Wer lang hat, lässt lang hängen – Hangman

Nun ist das ja so: Manchem Verlag fehlen die kreativen Ideen, bzw. Autoren und da muss dann Abhilfe her, denn irgendetwas muss ja verkauft werden. Dieses Dilemma hat uns schon viele spielerische Perlen beschert, wie beispielsweise Stadt Land Fluss mit Buchstaben drehscheibe, um das Schummeln bei der Buchstabenwahl zu vermeiden, Schnick Schnack Schnuck das Kartenspiel („Der Klassiker Schere Stein Papier jetzt als lustiges Kartenspiel“ – Schachteltext) oder auch den ewigen Klassiker Stille Post Extrem. Diese Spiele haben eines gemeinsam: Man versucht, Geld mit etwas zu verdienen, das eigentlich nur Stift und Zettel erfordert. Oder auch gar nichts, siehe Schere Stein Papier. Bevor wir am Montag unsere Spielemarathonwoche mit „Waldspaziergang – das Outdoorspiel“ und „Ausschlafen – der große Familienspaß“ einläuten, haben wir uns eines unvergänglichen Klassikers aus dem Hause MB Spiele angenommen:

Wer kennt das nicht? Man will unbedingt mal wieder eine schöne Partie Galgenraten spielen und hat blöderweise gerade keine Schulklasse parat. Womöglich ist man gar kein Lehrer, sondern Richter oder Bauarbeiter oder so was in der Art. Diesen Berufsgruppen war das schöne Galgenraten bis 1977 komplett verwährt. Hatte man seinen Schulabshluss, war es plötzlich vorbei mit Spiel, Spaß und Spannung. Da hat dann MB aber Abhilfe geschaffen: Nicht nur konnte man Galgenraten, respektive Hangman plötzlich in den heimischen vier Wänden spielen, auch die bis dahin zwingend notwendige größere Spielergruppe war fortan kein Muss mehr. Denn endlich gab es diesen zweitgrößten aller Klassiker (nur Blinde Kuh wurde damals häufiger gespielt, aber das gibt es ebenfalls seit 1977 in einer Schachtel zu kaufen) als Zweipersonenspiel. Ich wage zu behaupten, dass diese Firma ohne Hangman nicht das geworden wäre, was Hasbro dann 1984 übernommen hat. Zudem hat dieses Spiel eine wahre Tradition begründet, konnte man doch in der Folge weitere Stift-und-Zettel-Spiele in Plastikform vermarkten:

But there is even more to it!

Seien wir doch mal ehrlich. Beim Galgenraten ist es doch schon immer so gewesen, dass die Wörter zu lang waren. Dem wurde abgeholfen, indem die tollen Worteinsteckaufklappgeräte nur Platz für maximal 8 Buchstaben haben. Deine Gegner haben Dich immer geärgert, indem sie Dich das Wort Worteinsteckaufklappgeräte haben raten lassen? Ha! Nehmt das, Schlaumeier! Diese Zeiten sind vorbei! Haustür? Ja. Kolibri? Ja. Stewardess? Geht nicht mehr. Endlich kann man „das klassische Spiel der Buchstaben und Wörter“ (Verlagswerbung) auch gewinnen, wenn man einen begrenzten Wortschatz hat.

Sehen sie nicht glücklich aus? Verständlich, bei dieser tollen Erfindung.

Doch wer jetzt denkt, besser kann es nicht mehr werden, der irrt gewaltig!

Auch diejenigen, die schon immer mit der künstlerischen Herausforderung des „lustigen Galgenspiels“ (Verlagswerbung) überfordert waren, können aufatmen: Statt den Galgen und die daran aufzuknüpfende Person (was hat die eigentlich angestellt, dass so drastische Strafmaßnahmen ergriffen werden?) mit zittriger Hand auf Papier oder an die Tafel zu malen, genügt es in dieser „dreidimensionalen Aufmachung“ (Verlagswerbung), ein Rädchen zu drehen und schwupps! – Der nächste Strich entsteht wie durch Zauberhand von selbst. Nach elfmaligen Zeichnen ist dann Schluss und der reuige Verbrecher freut sich sehr, dass er endlich aufgehängt wurde.
Also wirklich jetzt, der muss die Schwere seiner Tat erfasst und eingesehen haben, dass es für ihn nur mehr einen Weg zur Erlösung gibt: Das hängen am Strick, bis dass der Tod eintritt. Sonst sähe der nicht so glücklich aus:

Wer Einsicht und Reue zeigt, freut sich über seine Strafe.

Fazit

Was ist nun von diesem Spiel zu halten? Beginnen möchte ich mit einem Kritikpunkt, der geäußert sein will, seit die Bewegung „Schluss mit 6-99“ sich immer wieder lautstark Gehör verschafft: Das Spiel ist offiziell nur für Spieler im Alter von 8-80 Jahren ausgelegt. Das ist in Zeiten eines demografischen Wandels, der die Alten immer älter (und die Jungen immer jünger?!?) werden lässt eine höchst unzulässige Diskriminierung breiter Bevölkerungsgruppen. Nun konnte man das 1977 vielleicht nicht absehen, aber heutzutage fällt es doch ins Auge.
Abgesehen davon kann man eigentlich nur dem Schachteltext zustimmen: „Seit Generationen kennen Schulkinder das lustige Galgenspiel. Hier wird es auf eine ganz andere Art präsentiert: in dreidimensionaler Aufmachung. Damit bekommt dieser altbekannte Spiel-Spaß eine neue Form.“ Besser geht es nicht. Die meisten unserer Zweipersonenspiele haben wir auf dem Flohmarkt verscherbelt, seit wir Hangman haben, wissen wir, dass sie ohnehin nicht mehr auf den Tisch kommen. In diesem Sinne:

Weiterhin einen schönen ersten April.

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